So viele Häuser auf einen Fleck ! Und überall wohnt
wer. Mancherorts brennt sogar noch Licht.
Hardy schreitet relativ
zielstrebig des Weges. Er scheint ein bestimmtes Ziel
vor Augen zu
haben. Benjamin, sein getreuer Begleiter folgt ihm selbstredend.
Der
Nager schläft während dessen den nimmer enden wollenden Schlaf des
Gerechten.
Oh, du unbedarftes Kerlchen !
Ein schwankender Gesell angelt sich die Häuserfront
entlang. Er scheint uns mit
keinem Sinne wahrzunehmen. Sein
Nachhauseweg verlangt ganze Anstrengung.
Gevatter Bachus hat von
seiner Seele Begriff ergriffen. Der Esel der Trunkenheit
sitzt ihm
in dem Genick. So wie bei meinem früheren Stallburchen des
öfteren.
Seine Nase funkelt wie eine Mohrrübe im Juli. Seliger,
nichtsahnender Trunkenbold
in der Geheimnis verheißenden Nacht!
Am liebsten würde ich ihm ja einen tüchtigen
Schreck einjagen. Anschleichen, und dann ein kräftiges Iaaaa. Das
wäre lustig. Ob Hardy mit mir wohl böse werden würde?
Der vom Wein beseelte Zechmeister hält inne, kramt
ein trotz der Dunkelheit gut erkennnbares,
mit Enten verziertes
Feuerzeug aus seinem Hosensack, zündet sich eine Zigarette
an,
öffnet seinen Hosen Stall und nässt an die Mauer der Kirche.
Eine nie enden wollende
Notdurft! Rinnsäle voller Traubensaft.
Aber halt ein – seltsam. Selbiges
Feuerzeug habe ich doch schon
gesehen. Das darauf abgebildete Federvieh ist mir
wohlbekannt.
Löchrig Eselshirn – lass mich jetzt nicht im Stich.
Grummel, grummel – rauch, rauch – ich habs, ich
gaub. Hardy besitzt doch auch so einen
Flammenspender. Ob da wohl
ein Geheimnis im Anmarsch ist? Mir wird ganz
unruhig. Meine grauen
Ohren kreisen im Dreivierteltakt. Ist es nur Zufall?
Oder lauert
hier bereits das erste Abenteuer? Hardy steht neben mir und greift
nach seiner Pfeife.
„
Ah, grauer Kamerad, mir scheint es, meine müden
Lungen brauchen eine kleine Stärkung“
Sprach es, kramte seinen federviehverzierten
Flammenspender aus der Hosentasche und
entfachte sein Rauchglück.
Eine Mohrrübe wäre mir jetzt auch nicht unrecht.
Aber das wäre
jetzt wohl etwas zu viel des guten.
Der von Gevatter Bachus beseelte Zechmeister wankte
zu uns beiden herüber.
„
Ah, zwei Fremde in diesem beschaulich Städtchen.
Seid gegrüßt, woher ihr auch immer
kommt.“ Die Glut
seiner Zigarette flog zu Boden.
„Ach, was ungeschickter Tölpel ich bin. Selbst das Tabak
schmauchen will mir nicht gelingen. Da muss wohl noch einmal der
Flammenspender heran.“
Sprachs, griff erneut in seine Hosentasche und kramte wiederum das
flammen speiende Entenvieh
heraus.“
Mein tapferes Eselsherz begann ganz aufgeregt zu pochen. Gleich
muss Hardy das Feuerzeug
sehen. Abenteuer, ick hör dir trapsen.
Benjamin, der Esel ist zur Stelle.
Hardy sah, was er sehen sollte, griff ebenfalls in seine
Hosentasche und holte – wer hätte es
gedacht – du etwa werter
Leser, die gerade an meinem ersten Abenteuer
teilhast? – ebenso
sein federviehverziertes Feuerzeug hervor. Dann sagte er
folgendes:
„16 Enten in der Nacht – Das Schicksal hat sie
zusammengebracht – Der Wolf, der auf der
Lauer lag – Schon an
sein Abendessen gedacht – Doch das Lag nicht in seiner
Macht.“
Die Macht des Weines schien von unserem neuem Bekannten plötzlich
abgelassen. Er entgegnete
folgendes:
„16 Enten in grausiger Gefahr – Lupus, hungrig, fürwahr“.
Jetzt war
wieder Hardy an der Reihe. So etwas hatte ich in
meinem bisherigen Esels Leben noch nicht erlebt.
„16 Enten hielten zusammen – der Wolf war in seiner eigenen
Gier gefangen. Zwei davon
behielten Beulen, doch reichte es aus,
um den Widersacher zu vergraulen.“
Hardy umarmte den Fremden, als ob sie sich schon immer kennen. Und
der Fremde sprach:
„Seit meine Gäste, solange es euch beliebt. Der Geheimbund der
16 Enten hält zusammen.“
Der verletzte Nager hatte von alledem nichts mitbekommen. Er
schlief noch immer selig in
Hardys Rucksack. Keine fünf Minuten
später, und wir hatten das Haus des Fremden
erreicht.
Heisa, mein erstes Abenteuer. Das ist schon ein anderes Leben, als
den ganzen Tag in einem
kleinen Gatter eingesperrt zu sein.
Man brachte mich auf eine große Wiese hinter dem Haus.
„Grauer, hier kannst du dich heute Nacht zur Ruhe begeben.“
Der Fremde ging in sein Anwesen –
wohl ein Bauernhof – und kam
wenig später mit einem Büschel Mohrrüben zurück.
„Hier, sollst heute Nacht auch noch etwas Spaß haben.“
Mir lief das Wasser in meinem nimmer satten Eselsmaul zusammen.
Mohrrüben – daran hätte ich
heute nicht mehr im Traum gedacht.
Die beiden Männer gingen lachend und schwatzend in das Haus. Hardy
rief mir noch folgendes zu :
„Gute Nacht, Eselchen – hoffe, du bist morgen früh noch da.
Hier gibt es keine Zäune, die
dich einsperren....
Glücklich und zufrieden schlief ich alsbald ein. Der erste Tag in
Freiheit und schon das
erste Abenteuer.....Heisa.....
Am nächsten Morgen wachte ich sehr früh auf. Ungeduld brannte in
meiner Seele – Hunger nach
neuen Abenteuern....Meine beiden
Freunde schienen noch zu schlafen; im Haus war
es noch ruhig. Ich
mache mich über die letzte noch verbliebene Mohrrübe her.
Hardy
ist Mitglied im Geheimbund der 16 Enten – wie aufregend.
Noch gestern hätte ich derart wagemutige Dinge noch nicht einmal
zu träumen gewagt. Ich bin
ein Esel und neugierig –also schaue
ich mich um. Da es noch früh am morgen ist,
fröstelt mich etwas.
Aber wozu hat unsereins ein Fell.
Der Himmel ist klar, heute scheint ein schöner Tag zu werden.
Bestimmt gibt es wieder neue Abenteuer zu erleben. Hoffentlich stehen
meine Freunde vom Geheimbund der 16 Enten bald
auf. Bin ganz
neugierig, was es damit auf sich hat.
Die Wiese, auf welcher ich genächtigt hatte, ist riesengroß. Ich
tolle etwas herum und spiele „Esel dreh dich im Greis“. Wie
immer, wenn derartiges geschieht, wird mir schwindelig.
Aber das
ist ja Sinn und Zweck der ganzen Übung.
Benjamin, der Abenteurer, versucht die Wiese zu überblicken.
Esel, ist die groß. Iaa, da vorne sehe ich jemanden. Fast am
Horizont. Möglicherweise ein neues Abenteuer. Meine Freunde
schlafen
immer noch. Wie langweilig. Aber Benjamin ist auf der Hut.
Ein Mädchen. Die vielen Mohrrüben haben mir gute Augen
bescherrt. Iaaaa (was soviel
heißt wie jawohl). Das muss ich mir
aber doch aus der Nähe anschauen. Dagegen
werden meine Freunde
sicher nichts einzuwenden haben. Sie ist nicht allein;
ein
struppiger, großer Hund tollt um sie herum.
Meine Esel spezifische Neugierde erwacht. Die Sprache des Hundes
ist mir aus besseren Tagen nicht ganz fremd.
Mein armer, alter
Freund hat mich in die notwendigen Grundzüge eingeweiht.
Später
habe ich auf dem Gehöft dann des öfteren mit dem dortigen
Schäferhund
Konversation gehalten. Hunde sind ähnlich wie Pferde
relativ einfältige Wesen.
Ihr Horizont reicht zumeist nicht
weiter als zur nächsten Belobigung ihres
Herrchens. Ein paar
nette Worte – und schon sind sie zufrieden. Da sind wir
Esel
aber anders gestrickt. Aber lassen wir das – ein derartiges weites
ausschweifen würde die geneigte Leserschaft mit Sicherheit
langweilen.
Soweit ich das als nicht Artgenosse beurteilen kann, ist das
Mädchen wunderschön. Ihre
dunkelblonden Haare sind durch ein
Kopftuch teilweise verdeckt. Der struppige
Hund ist vor Freude
außer Rand und Band. Esel merkt ihm an, das er wohl nur
selten
derart zum herumtollen kommt. Mir wäre derartiges zu anstrengend.
Esel
sind hier besonnener.
Das von der Anstrengung leicht errötete Mädchen schmeißt dem
sich immer noch außer sich
befindenden Hund einen kleinen Stock
zu. Er stürzt sich darauf wie der Wolf auf
das Federvieh. Mich
belustigt derartiger Aktionismus etwas. Die beiden scheinen mich noch
gar nicht bemerkt zu haben. So sehr sind sie in ihrer Welt
gefangen.
Das Mädchen zündet sich eine Zigarette an. Jetzt bin
ich aber neugierig. Was für ein Feuerzeug sie wohl hat? Ob sie wohl
auch Mitglied im Geheimbund der 16 Enten ist? Das wäre ja toll.
Aber nein – sie verwendet einen ganz ordinären hellblauen
Flammenspender. Das enttäuscht
mich aber etwas. Ihr vierbeiniger
Freund hat das Stöcklein inzwischen gefunden.
Im Schweins Galopp
kommt er angestiefelt. Sappelott – er springt das arme
Mädchen
ja geradezu an. Ts, Ts – das sind aber überhaupt keine guten
Umgangsformen. Wirklich nicht. Als wohlerzogener Esel kann man da
wirklich nur mit den Ohren wackeln. Das arme Mädchen ist von dem
Rüpel geradwegs zu Boden gerissen worden. Ihre noch glimmende
Zigarette liegt – vor Schreck aus ihrem anmutigen Mund gefallen –
einen halben Meter neben ihr im Gras. Die holde Maid steht ja gar
nicht mehr auf – drohnend Unheil liegt in der
frühsommerlichen
Luft. Aber Benjamin, der Abenteurer ist
bereit... Ihr vormals herzallerliebst errötetes Gesicht ist auf
einmal aschfall. Der zottige Hund steht wie angewurzelt neben ihr. Er
schnuppert an ihrem ebenmäßigen Gesicht. Die Zigarette lodert immer
noch. Eine drohende Feuersbrunst – auch das noch.
Tausend und
ein Esel....Benjamin muß etwas unternehmen. Feueriooo...Dem
Hund
gehören gehörig die Levithen gelesen. Aber dazu ist jetzt
keine Zeit. Ich schaue mir das Mädchen aus der Nähe an. Sie atmet
noch.
Die Zigarette hat inzwischen einen ausgetrockneten Grasbüschel
entfacht. Benjamin – besonnen
bleiben, besonnen bleiben....Ich
versuche, mit meinen Hinterhufen das Feuer
auszuteten. Das tut
aber weh. IAAAAA!. Die wunderschöne Maid ist immer noch
nicht zu
sich gekommen. Der zottige Vierbeiner ist mir keine große Hilfe –
er
stimmt irgend ein Hunde spezifisches Gejaule an (was glaube
ich, übersetzt
soviel bedeutet wie – es tut mir ja so leid, das
wollte ich doch nicht, es tut
mir ja so leid). Iaaaa, hinterher
ist Hund wohl immer schlauer.
Fanfare, zumindest das Feuer ist gelöscht. Schwierig genug. Ich
muss Hilfe hohlen. Das
arme Mädchen. Meine Freunde vom Geheimbund
der 16 Enten....Schnell... Ich
galopiere zurück zum Haus. Meine
Freunde scheinen immer noch zu schlafen. Das
Küchenfenster (nehme
ich mahl an) steht auf. Ich strecke meinen Eselskopf
hinein. Sie
sitzen beide schlafend und scharchend am Tisch. Zwei
leere
Weinflaschen stehen neben ihnen. Das sind den beiden
ähnlich. Ich muss sie
schleunigst wecken. Gefahr.. Also – auf
die Plätze, Esel, fertig los.....“
„IAAAAAAAAAA (aufwachen, eine liebreizend Maid befindet sich in
den Fängen von Schnitter
Tod).
Dann weiter: „Aii (schleunigst, schleunigst).
Das scheint endlich zu wirken. Hardy beginnt sich schlaftrunken
die Augen zu reiben.
„Was ist denn, Eselein – laaa einen müden Wanderer doch
schlafen...“
Ich gebe keine Ruhe: „AAAIIIAAi (du mußt mitkommen – drohend
Gefahr....)
Hardy scheint weiterschlafen zu wollen.
„Später , grauer, später...“
Dann eben anders und lauter: „AAAIIIAAAIIAAAAiiiiAAA
(das
bedeutet in der Esel Sprache überhaupt nichts und klingt in des
Menchen Ohr
nur lau, hoch und unangenehm).
Aber es wirkt. Hardy begibt sich endlich von seinen Stuhl und
folgt mir nach draußen. Keine
Sekunde zu früh. Ich gebe ihm mit
meinen Kopf ein Zeichen und deute auf die
Wiese.
Das arme Mädchen liegt noch immer am Boden. Hardy begreift die
Situation sofort. Er
weckt unseren Gastgeber. Zu dritt eilen wir
zu dem Unglücksort.
Sie ist inzwischen zu sich gekommen – iaaaa.
Zaghaft blinzelt die Maid mit den Augen. Die Orientierung scheint
ihr etwas abhanden
gekommen zu sein. Ihr engelhaftes Gesicht füllt
sich langsam wieder mit Farbe.
Und sie sprach: „Wo bin ich –
wer seid ihr – was ist mit mir geschehen.....?“
Hardy beruhigte sie und erklärte ihr das notwendige.
„Dann bin ich euch ja zu großem Dank verpflichtet – meine
Retter...“
Der zweite Tag und schon das zweite Abenteuer. Heisa....
Der Geheimbund der 16 Enten zeigte sich galant: „Gerade dem
Schicksal entronnene Maid von sanftem Wesen – würde uns freuen,
wenn wir sie in unserem bescheiden Heim zu einem Milchkaffee einladen
dürften....“
„Diesem Angebot kann und will ich nicht entsagen. Wohl an...“.
Ihre Stimme klang warm
und herzlich. Der zottelige Hund folgte uns
mit gesenktem Kopf. Er schämt sich
für deinen Übermut. Armer
Kerl. Sein bisheriges Leben war sicherlich nicht leicht.
So gehen
wir zu fünft zurück zum Haus.
Der Hausherr baut einen Klapptisch auf und holt aus dem Inneren
des Hauses drei Klappstühle.
„Glaub, es ist warm genug, als das wir im Freien frühstücken
können. Was meint ihr...?“
Allen anderen schien es nur recht zu sein. Mir brachte er einen
Trog Wasser samt einem ganzen
Busch frischer Mohrrüben. Auch der
zottige Hund bekam ein tüchtiges Frühstück.
„Hier für dich, wackerer Lebensretter..“
Das schöne Mädchen graulte mich zum Dank.
„Das werde ich dir nie vergessen, Eselchen....“
Hardy kramte in seiner Hosentasche. Er machte mit einem Mal ein
feierliches Gesicht.
„Ich glaube,ich spreche im Namen aller Mitglieder des
Geheimbundes der 16 Enten, wenn ich
unseren grauen Helden als
Mitglied vorschlage...“
Der Hausherr nickte nur mit dem Kopf.
„Soviel Mut und Ritterlichkeit sieht man selten.....“
Hardy legte mir ein an einer Scheife befestigtes Feuerzeug mit 16
Enten um den Hals.
„Jetzt bist du einer von uns....“
Ich konnte mich nicht daran erinnern, mich in meinem Esel Leben
jemals so gut gefühlt zu
haben.
Das liebreizende Mädchen trank ihren Milchkaffee und rauchte eine
Zigarette.
Niemand sagte etwas. Irgendwo zwitscherte ein Vogel.
Hardy stopfte seine
Pfeife. Alle waren glücklich. Der zottelige
Hund, dem längst niemand mehr böse
war, lag neben der geretteten
schönen und schlief.
So, werte und
holde Leserschaft – das waren die ersten
Abenteuer von dem armen Esel, der
in die weite Welt zog, um sein
Glück zu suchen. Noch immer sind viele Fragen
unbeantwortet. Was
hat es mit dem Geheimbund der 16 Enten genau auf sich? Wo
ist
Benjamins Freund Ernesto? Lebt er überhaupt noch? Wer ist die
gerettete
zauberhafte Maid? Hat sie sich von ihrer Ohnmacht gut
erholt? Was für eine
Rolle kommt ihr noch zu? Fragen über
Fragen......Fragen, die der hoffentlich
immer noch neugierige
Leser bald beantwortet sieht wenn es da heißt:
„Der Geheimbund
der 16 Enten und Theodor, der traurige Vampir.
Wären wir also bei dem vierten Teil unserer Esels Geschichte.
Falls ihr die ersten beiden Teile verpasst habt, könnt ihr sie
nachfolgend nachlesen:
Chorus 1 oder Unzufriedenheit ist aller Taten Anfang
(1)
http://www.ciao.de/Ihre_Kurzgeschichten_2__Test_8915779
Chorus 2 oder Unzufriedenheit ist aller Taten Anfang
(2)
http://www.ciao.de/Texte_die_die_Welt_nicht_braucht__Test_8945852
Chorus 3 oder Unzufriedenheit ist aller Taten Anfang
(3)
http://www.ciao.de/Ihre_Fabeln__Test_8962483