Jetzt heißt es, kühlen Kopf bewahren! Nicht
übermütig werden! Die Häscher lauern überall.
Also beschloss
ich, das es am besten sein wird, auf dem kleinen, teilweise durch
den
Wald gehenden Feldweg zu bleiben. Auf der Straße hätte der gute,
alte
Benjamin zu viel Aufsehen erweckt. Inzwischen war es
zapfenduster. Eine klare
Nacht; der Himmel war voller Sterne. Der
arme alte Bauer! Aber das war jetzt
nicht mehr zu ändern. Mein
Entschluss stand fest; zum Umkehren war es zu spät.
Vorsichtig, vorsichtig Benjamin...da vorne....da ist doch wer.
Ein Mensch! Ja,
tatsächlich...Vielleicht hundert Meter entfernt!
Er hat einen Schlapphut auf...
Kühlen Kopf bewahren, Benjamin;
kühlen Kopf! Wenn er mich erkennt, bin ich
geliefert! Ach, lirum,
larum, Löffelstil. Papperlapapp !
Ich bin schneller als er. Ein Esel in den besten Jahren! Jawohl...
Außerdem, endlich,
endlich....das erste wirkliche Abenteuer steht
vor der Tür. Mein Herz klopft,
als wenn es außer Rand und Band
wäre.
Ich beschließe, mich an den Wandersmann heimlich, still und leise
anzuschleichen. Tip, tap....ganz vooorsichtig. Ja genau. Und dann
begrüße ich ihn mit einem lauten und kräftigen
"Iaaaaaaaaaaaaaa"
(Übersetzt in die Menschensprache bedeutet das
soviel wie
"Gestatten....mein Name ist Benjamin, der Abenteurer. Wie
ist
ihr werter Name, Fremder?"). Das wird ein Spaß.
Der Wandersman hat einen riesigen
Rucksack auf den Rücken gespannt. In seiner rechten Hand
trägt
er einen Stock. Auf diesem stützt er sich auf. Er pfeift ein
Liedchen vor sich hin. Sein Mantel ist etwas schmutzig. Meine
Anschleich Taktik scheint aufzugehen. Inzwischen habe ich mich auf
etwa fünf Meter herangepirscht. Noch etwas näher, dann kann das
Abenteuer beginnen. Ich freue mich wie ein kleines Fohlen. Lustig,
lustig, trallala, gleich ist Benjamin, der Esel da. Kräftig
Luft
geholt, und los geht es........
"Iaaaaaaaaaaaa"
Das
saß. Der Wandersman ließ vor Schreck seinen Stock fallen. Er
strauchelte etwas und
landete im Gras. Sein Gesicht war weiß wie
Stutenmilch.
"Ein Esel, ein leibhaftiger
Esel...Wach ich, oder träum ich?"
Der arme Kerl. Das er sich aber auch
gleich derart erschrecken musste? Ich war wieder einmal
eindeutig
über das Ziel hinausgeschossen. Der Wandersmann starrte mich
weiterhin
ungläubig an. Er musste wohl glauben, einer
Sinnestäuschung aufgesessen zu sein.
Ich überlegte, was ich tun
sollte. Einfach davonlaufen? Nein, das ging
nicht....Benjamin ist
ein Abenteurer und kein Schurke. Der Wandersman schien ähnlich alt
als mein letzter Herr zu sein. Sein dichter Bart war bereits grau. Er
öffnete seinen Rucksack, kramte eine große Korbflasche hervor und
nahm einen tüchtigen Schluck.
"Ahh....das tut gut. Der Schrecken
sitzt mir noch in alle Gliedern. Grauer Kamerad, da hast du dem alten
Hardy aber einen tüchtigen Schrecken eingejagt. Schleicht sich mir
nichts dir nichts von hinten an einen arglosen Weltenbummler
heran...."
Hardy hatte inzwischen die Position
eines Schneiders eingenommen. Den ersten Schrecken schien
er
überwunden zu haben. Seine Gesichtsfarbe hatte sich bereits wieder
dem Inhalt seiner Korbflasche angenähert. Na also....war doch gar
nicht so schlimm.....Ich hatte aber trozdem noch ein einigermaßen
schlechtes Gewissen...
"Komm, Grauer....Nur nicht so
schüchtern, setzt dich ruhig ein wenig zu mir hin. Oder
willst du
gleich wieder davonlaufen? "
Der Wandersmann stopfte sich eine
Pfeife, welche er in seiner Jackentasche verstaut
hatte, und
begann in aller Seelenruhe zu paffen. Kleine Rauchkringel stiegen
ihm
aus der Nase. Das sah lustig aus...Fast wie diese Dampflockomotiven,
von
denen mir Ernesto immer erzählt hat. Er schaute zu mir hoch.
"Brauchst wirklich keine Angst zu
haben; Schlappohr. Ich kann es mir zwar gut vorstellen,
das du
irgendwo abgehauen bist. Aber das ist deine Sache. Der alte
Hardy
verpfeift niemanden. Altes Abenteuerrerenwort. Also, was
ist? Nur nicht so
schüchtern...."
Ich schien wirklich großes Glück zu
haben. Kaum aus meinem Gatter ausgebüchst, schon
treffe ich auf
einen richtigen Abenteurer. Mein Herz jauchzte vor Freude. Ich
machte
es mir direkt neben dem Wandersmann gemütlich. Der Himmel war
voller
Sterne.
"Na, hab ich es doch gewusst,
Schlappohr....Der alte Hardy kennt seine Pappenheimer. Du
bist
also doch kein Hasenfuß..."
Na, und jetzt ? Ich entschloss mich
für ein zweites, herzhaftes "Iaaaaaaaaaaaaa".
Gut, gut,
dass mich der alte Wandersmann natürlich nicht versteht, war mir
schon
klar. Schließlich ist er kein Esel. Aber irgend ein Zeichen
mußte ich einfach
von mir geben. Nur um nachzusehen, ob meine
Stimmbänder noch funktionieren. Man
kann ja nie wissen...Ich war
gespannt, wie mein Abenteuererleben weitergehen
wird. Nun, die
Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Und der alte Hardy
sprach
folgendes:
"Weist du was,
Schlappohr....Willst du mich nicht ein wenig auf meiner
Wanderschaft
begleiten? Du könntest mir helfen, meinen schweren
Rucksack zu tragen. Sie
selbst, ich bin ein alter Mann. Im
Gegenzug würde ich dich in die Kunst des
Abenteuerns
einweisen....Nun, wie sieht es aus. Gib mir ein Zeichen, Grautier..."
Man, eine Ausbildung als
Abenteurer...Das wäre toll. Hardy schien wirklich nett zu sein.
Na,
da musste ich nicht lange überlegen. Wirklich nicht.
Abenteurer...das habe
ich mir doch schon lange gewünscht....Ich
wackelte also heftig mit meinen
Ohren. Hoffentlich versteht das
der alte Wandersmann...
"Hab ich doch gewusst. Du bist
wirklich von schnellem Entschluss. Aber das zeichnet einen
Abenteurer
schließlich aus. Ausgezeichnet, wirklich ausgezeichnet. Das
erste
Ziel unseres gemeinsamen Weges wird Katzenbrühl sein. Das
ist ein kleines
Städtchen, welches gar nicht weit entfernt von
hier liegt. Vielleicht ein Stündchen, vielleicht auch zwei....auf
gar keinen Fall sind es aber drei".
Herrlich...eine richtige Stadt. Das
versprach, aufregend zu werden. Ich war bereits voller
freudiger
Erwartung. Hardy kramte in seinem Rucksack und sprach folgendes :
"Aber bevor wir losmaschieren,
habe ich dir noch eine kleine Stärkung. Sollst sehen,
das ich es
gut mit dir meine..."
Eine Mohrrübe...eine Mohrrübe; ganz
für mich allein. Ich könnte jauchzen vor Freude.
Damit war heute
wirklich nicht mehr zu rechnen. Bereits der Anblick des Gemüses
ließ
mir das Wasser in meinem Eselsmaul zusammenlaufen. Was für eine
Leckerei;
welch glücklicher Tag heute nur ist. Wenig später ging
es dann auch los...
Der Rucksack war leichter, als ich
gedacht hatte. Hardy lief neben mir und schmauchte an
seiner
Pfeife, welche er mit einem Enten verzierten Feuerzeug entzündete.
Oder
waren es gar Ganter, welche darauf abgebildet sind? Nicht so
wichtig, nicht so
schlimm – halt den Kopf gerade und sing. Wenn
der alte Bauer morgen an mein
Gatter kommen wird, bin ich schon
längst in Katzenbrühl... Tja, er wird sich
sicherlich Sorgen um
denn guten, alten Benjamin machen....Der arme Mann....Und
seine
dicke Frau erst... Ach, nicht schon wieder....Ich beschloß, nicht
mehr an
die Vergangenheit zu denken. Nur noch die Gegenwart und
Zukunft....Hier warten
die Abenteuer. Ja, genau...
Der alte Mann pfiff ein Liedchen vor
sich hin. Das klang lustig und beschwingt. Seine Pfeife
war
inzwischen wieder in dem Rucksack gelandet. Katzenbrühl, hab
acht....Benjamin der Abenteuerer steht vor den Pforten! Heisa,
Hussa...!
Und so wanderten wir durch Wald und
Flur. Müdigkeit war ein Fremdwort. Hardy hielt
plötzlich apprupt
an.
"Halt an, Schlappohr....schau, da
liegt etwas..."
Er bückte sich....und tatsächlich!
Ein Eichhörnchen. Es schien irgend etwas zu haben. Jedenfalls
kam es mir reichlich seltsam vor, das der Nussfreund mir nichts dir
nichts auf dem Boden
herumliegt. Na, Esel wird sehen....
"Der arme Kerl muss wohl von dem
Baum da drüben heruntergefallen zu sein. Jedenfalls scheint er am
rechten Bein verletzt zu sein. Wir können ihn doch nicht einfach
seinem Schicksal überlassen. Oder was meinst du, Grauer?"
Tja, wo er recht hat, hat er recht.
Nein, das wäre wirklich eine Himmel schreiende Ungerechtigkeit
gewesen. Der arme Nager...Ich nickte heftig mit meinem graumelierten
Haupte. Hardy schien sich zu einem Entschluss durchgerungen zu haben.
"Tja, dann müssen wir ihn eben
mitnehmen. Ja, eine andere Lösung fällt mir nicht ein..."
Gesagt, getan...Das Eichhörnchen nahm
also in der linken Seitentasche des Rucksackes Platz. Nur sein Kopf
schaute heraus...Ich spürte, das unser Gast etwas Angst hatte. Er
zitterte mit jeder Faser seines kleinen Körpers. Dummer, armer
Kerl.
Benjamin, der Esel tut keiner Fliege etwas zu leide.
Abenteurer sind doch keine Unholde...Allerdings nicht! Ach...das
Eichhörnchen wird sich an seine
Situation schon noch gewöhnen;
früher oder später...
Und so waren wir also fortan zu dritt.
Wenn ich mir vorstelle, das ich heute morgen noch
friedlich in
meinem Gatter gestanden bin...Und jetzt! Ein aufregendes und gefahren
volles Eselsleben...Was aus dem kleinen Nager wohl werden
wird?
Hoffentlich erholt er sich bald wieder. Na ja, die
Verletzung wird schon nicht so schlimm sein. Alles wird wieder gut...
Das Eichhörnchen schien eingeschlafen zu sein. Jedenfalls
schlotterte es nicht mehr. Die Sternlein leuchteten uns dreien den
Weg nach Katzenbrühl. Wie weit es wohl noch sein wird? Mir war ganz
unruhig in meinem Fell. Was für ein aufregender Tag !
Heida daus, Benjamin der Abenteurer ist
außer Haus. Hardy gab mit Hilfe seiner Pfeife immer
noch
Rauchzeichen von sich. Er lief ein wenig vor mir. Sein
Mund summte ein mir unbekanntes Liedchen. Der alte Bauer wird mein
Verschwinden sicher noch nicht bemerkt haben. Es ist schließlich
erst Nacht. Wahrscheinlich schläft er schon. Hach, Benjamin schläft
noch lange
nicht! Ein Abenteuererleben kennt keinen Schlaf. Für
unsereins heißt es allzeit
auf der Hut zu sein. Heisa ! Jawohl !
Genau so ist es. Hardy erweckte mich schließlich aus den Aufregung
verheißenden Tagträumen.
"Tja, Schlappohr, schon bald sind
wir in Katzenbrühl. Dort werden wir uns eine Pause gönnen. Das
letzte Stück des Weges liegt vor uns".
Meine Aufregung wuchs noch einmal an.
Eine richtige Stadt! Schon bald. Das habe ich mir doch immer schon
gewünscht. Und tatsächlich, mein neuer Freund schien sich nicht
getäuscht zu haben. Die Lichter des Städtchens lagen direkt vor
uns. Ein paar Minütchen des Wanderns noch. Katzenbrühl hab acht! Du
schlummernd Ansiedlung; eingebettet in beschaulich Tal. Benjamin samt
Anhang naht. Bereit für 1001 Abenteuer ! Vorbei sind deine ruhigen
Tage.
Ich könnte singen und springen vor
Freude. Iaaa, was für ein Tag. Der kleine Nager schläft
immer
noch. Nichts von alledem bekommt er mit. Unschuldiger, kleiner
Wegbegleiter. Doch hab keine Angst; Benjamin der Eroberer ist von der
Partie. Alles Unglück von dir wendend. Der Advokat der Schwachen und
enterbten. Ach, wenn Barnabas mich nur so sehen könnte. Ich auf dem
Weg in eine Atem raubende Zukunft. Treuer, alter Freund, warum nur
kannst du nicht hier sein. Doppelt so wohl wäre es mir um das selige
Eselsherz!